Nun hat man es subjektiv mit einem Verfasser zu tun, der aus Straß stammt und mit dem Herzen in seinem Dorf verwurzelt ist. Der Eros, der lange Atem, ohne den qualifizierte historische Forschung nicht gedeihen kann, wird so verstärkt. Die gleichwohl nötige Distanz des Forschers zu seinem Gegenstand einerseits, andererseits das wissenschaftlichen Ansprüchen sehr wohl entsprechende Ergebnis, rühren aus der peinlichen Sorgfalt, mit der Quellen und Literatur zur vorliegenden Ortsgeschichte ermittelt und ausgewertet werden, und der souveränen Art, wie das historische Handwerkszeug gebraucht wird. Das Buch hebt sich wohltuend ab von vielerlei Chroniken und Heimatbüchern, die auch heute noch entstehen. Als Ausweis wissenschaftlicher Qualifikation genügte allein schon der ganz hervorragende Anhang; die diesbezügliche Bescheidenheit des Verfassers im Vorwort darf man ebenso als Untertreibung bezeichnen wie die Einschränkung im Untertitel des Werks (Zur Geschichte… ): Zum Zeitpunkt der Vorlage von »Straß« gab es hierzu ganz gewiß nichts Wesentliches mehr zu ergänzen. So hat die vom Verfasser erbrachte Leistung die wirklich schöne Gestaltung der Ortsgeschichte durch den Verlag redlich verdient.
Läßt man die inhaltliche Darstellung auf sich wirken, so hat der »Kritiker« zunächst zu beachten, daß bei ihm selbst nicht unterschiedslos alles auf den gleichen Aufnahmeboden trifft. Wenn daher die Kapitel »Die kelto-römische Siedlung«, »Das Schulwesen« und »Die Jahre der Veränderung« pauschal besonders hervorgehoben werden, so liegt das daran, daß den Rezensenten diese Bereiche einerseits interessieren, er andererseits darüber zum erstenmal eine lokale Fallstudie gelesen hat. Zur Schulgeschichte hat sehr gut gefallen, wie alle Aspekte lebendig werden: organisatorische, wie etwa die frühere Verbindung von Schul- und Kirchendienst, finanzielle (das »arme Dorfschulmeisterlein« wird hier konkret mit seiner vom Lebensunterhalt her bedingten multifunktionalen Existenz als Lehrer, Mesner, Organist, Landwirt, Gemeindeschreiber etc.), personelle, bauliche und vor allem auch inhaltliche (Lehrstoff). Die Ausführungen über die Zeit von 1946 an vermitteln eine Ahnung von dem ungeheueren historischen Bruch, der sich in den letzten 38 Jahren auch im Fall der Gemeinde Straß vollzogen hat. Das Wort » Ahnung« ist bewußt gebraucht, weil wohl erst eine spätere Geschichtsschreibung diese Vorgänge adäquat erfassen und darstellen kann — es verändert sich ja schlichtweg alles, und zwar fundamental: Größenordnung, Ortsbild, wirtschaftliche und soziologische Struktur, Schule, kommunale Zugehörigkeit, konfessionelle Zusammensetzung etc. Was verbindet eigentlich das heutige mit dem früheren Straß?