Sein Wirken in Südtirol

Die Stadt am Lech blieb bis ans Lebensende sein Wohn- und Arbeitsort. Doch durch die vielfältigen Beziehungen, die Augsburg und ganz Schwaben mit Südtirol im Mittelalter und besonders im Spätmittelalter auf politischem, wirtschaftlichem und kirchlichem Gebiet pflegte, schloss als gewichtiges Element die Baukunst mit ein. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts übte die spätgotische Abteikirche von St. Ulrich und Afra, zwischen 1477 und 1512 errichtet vom Augsburger Baumeister Burkhard Engelberg, großen Einfluss auf die Gestaltung kirchlicher Bauten in Südtirol aus, galt doch St. Ulrich und Afra als Muster zeitgemäßer Baukunst. Wo Engelberg tätig wurde, können wir meist auch seinen Schüler Jakob Zwitzel vermuten oder nachweisen. Außerdem holte Engelberg eine große Schar von Steinmetzen aus dem ganzen süddeutschen Raum nach Südtirol.1

Der Turmabschluss der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Kaltern am See wird entweder Zwitzels Lehrmeister Engelberg oder gar ihm selbst zugeschrieben. „Vermutlich haben der Augsburger Baumeister Burkhard Engelberg, der Entwerfer des Bozner Pfarrturms, oder dessen Mitarbeiter Jakob Zwitzel den Turmabschluss um 1500 geplant.“2 Da Zwitzel im Jahr 1500 noch am Bodensee als Wandergeselle tätig war und den ersten Auftrag in Augsburg erst 1504 erhalten hat, dürften für seine Anwesenheit in Kaltern als Mitarbeiter Engelbergs, erst die Jahre nach 1500 in Frage kommen.

Der Anlass zu den Bauarbeiten an der Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt in Bozen war ein Brandunglück 1499, das die älteren Aufbauten und den Glockenstuhl des Nordturms zerstört hatte. Die Entwurfpläne für die Wiederherstellung fertigte als „öbrister werchmaister“ Burkhard Engelberg an, die bis Ende des Jahres 1500 alle vorlagen. Bei der Gestaltung des Turmoberbaus nahm er sich die kunstvolle Fialenkonstruktion „seiner“ Kirche St. Ulrich und Afra in Augsburg zum Vorbild. Zum Vertreter vor Ort wählte er Meister Hans Lutz von Schussenried aus, der mit den Bozner Kirchenpröbsten einen auf vier Jahre befristeten Anstellungsvertrag unterschrieb. Die Bauarbeiten zogen sich aber bis etwa 1517/18 hin. „Längerfristig am Bau arbeitende und damit wohl zum Stammpersonal rechnende Steinmetzen waren vorwiegend nordalpiner Abkunft, wie z. B. Jakob von Ulm [Elchingen]“.3 Worin dessen Anteil an diesem Bau bestand, wird in den Unterlagen allerdings nicht mitgeteilt.

Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt in Bozen. Die kunstvolle Fialenkonstruktion nach dem Vorbild von St. Ulrich und Afra in Augsburg.

Im Gegensatz zu Kaltern und Bozen sehen wir, dass beim Bau der beiden nächsten Kirchen Jakob Zwitzel erstmals in Südtirol selbst eine leitende Funktion innehatte. Zudem sind diese Baumaßnahmen ausführlicher dokumentiert. Nach der Vollendung des Kirchenschiffs der Liebfrauenkirche in Schwaz 1503 folgte eine sechsjährige Pause bis zum Turmbau. An ihm war Zwitzel von 1509 bis 1513 beschäftigt. Eigentlich sollte Burkhard Engelberg den Bau übernehmen, doch der vielbeschäftigte Meister hatte dazu seinen tüchtigen Mitarbeiter Jakob Zwitzel empfohlen, der die von Engelberg stammende Planung dann ausführte.4 Die Kirchenpfleger schlossen mit Jakob von Elchingen am 19.2.1509 einen Vertrag ab, dass er als leitender Werkmeister in Dienst gestellt wird. Insgesamt hielt sich Zwitzel 32 Wochen in Schwaz auf. Da man mit ihm keine ständige Anwesenheitspflicht vereinbart hatte, musste er zur Aufsicht vor Ort einen Parlier bestimmen, der von den Kirchenpflegern entlohnt wurde. Sein Vertreter war Konrad Vogl aus Frankfurt. Zwitzel selbst hatte einen jährlichen Grundlohn von 30 Gulden und bei Anwesenheit zusätzlich einen Taglohn.5

Der mächtige Turm der Liebfrauenkirche in Schwaz, Planung von Burkhard Engelberg, Bauausführung von Jakob Witzel. Wegen Absenkung des Turms nur ein schmaler Kupferhelm mit Laterne als Turmabschluss.

Schon bald nach der Errichtung des kolossalen vier Stockwerk hohen Turmunterbaus aus Quadersteinen hat sich dessen Nordostecke gesenkt. Die Auswirkungen waren fatal. Die Quader des Unterbaus wurden zusammengedrückt und Risse zeigten sich im Gewölbe der Kirche.6 Was hier geschehen ist, lässt sich durchaus vergleichen mit der geschilderten prekären Situation beim Ulmer Münsterbau, wie sie Zwitzel und sein Lehrmeister Engelberg erfahren haben. Über die Reparaturarbeiten im Kirchenschiff ist nichts bekannt, doch dürften zumindest hier die Risse beseitigt worden sein. Beim Turm führte der Vorfall zu einer Planänderung. „Statt der steinernen Maßwerkspyramide wählte man einen steilen Kupferhelm, dessen Spitze in einer vierseitigen Laterne geöffnet wurde. […] Das Glockengeschoß wurde durch eine Blendgliederung übergreifender Rundbogen belebt, die sich unterhalb der Säulchen-Balustrade verschneiden.“7

Dem Höhepunkt von Witzels Schaffen in Südtirol begegnen wir in der heute zu Eppan gehörenden Pfarrei St. Pauli Bekehrung, wo er die Pfarr- und Wallfahrtskirche entscheidend mitgestaltet hat. Er ist der erste namentlich genannte Baumeister. Man bezeichnet die spätgotische Hallenkirche aufgrund ihres weithin sichtbaren Turms auch als „Dom auf dem Lande“. Die gesamte Bauzeit dauerte von 1460 bis 1647, als der Turm zuletzt mit einer barocken Zwiebelhaube bekrönt wurde. Trotz der langen Bauzeit wirken Kirche und Turm als Gesamterscheinung recht harmonisch und beherrschen Dorf und Landschaft.8


Der berühmte „Dom auf dem Lande“ in der Pfarrei St. Pauli Bekehrung in Eppan als beherrschendes Zentrum des Dorfes.

Jakob Zwitzel hat 1514, zwei Jahre nach dem Tode Engelbergs, den Fassaden- und Turmplan entworfen. Neben den bereits 1510/12 im Bau befindlichen, aufwendigen, mit Fialen besetzten Turm- und Fassadenstrebepfeilern aus sorgfältig behauenem Sandstein erinnert der Bogenfries mit Lilienenden entlang der westlichen Giebelschräge an die üppige Blendgliederung des Schaugiebels von St. Ulrich und Afra in Augsburg, der schon in Bozen und Schwaz als Vorbild diente.9

Schon allein die Dimensionen der Kirche sind in jeder Hinsicht gewaltig. Das Langhaus ist 43,4 Meter lang, 28,4 Meter breit und im Innern, auch die Seitenschiffe 15,4 Meter hoch. Allein der Zeitrahmen, in dem die Kirche entstand, reichte mit Unterbrechungen von ca. 1460 bis 1552, und zwar zuerst der Chor und der Priesterraum, dann das Westwerk und schließlich das Langhaus. Zeitaufwendig war die Anlieferung der verbauten ungeheuren Materialmassen. Die Finanzierung geschah durch zahlreiche Tiroler Adelige, vor allem durch die Grafen Khuen. Ergänzende Mittel stammten aus dem Kirchenvermögen und Beiträgen der Bruderschaften und Zünfte.10

Diese Bemerkungen können ebenso für die intensive Bauphase gelten, in der Jakob Zwitzel tätig war und die sich auf das Westwerk bezieht, in das der Turm integriert ist. Mit dem Westwerk wurde nach 1501 begonnen, der Name des Baumeisters taucht hier erstmals 1514 auf. „Der kühne Gedanke, den Glockenturm in das Kircheninnere einspringen zu lassen und dort auf einen Pfeiler zu stellen, ruft die Erinnerung an den Münsterturm in Ulm wach. […] Auffallend am Turm sind die gewaltigen, reich profilierten Strebepfeiler aus Sandstein an den Ecken. Ihr viereckiger Grundriß verjüngt sich oberhalb der zwei unteren Geschosse in einen aufgelockerten mehreckigen mit seitlichen Filialen. Durch eine übereck gestellte Filiale kehren sie dann wieder zum Viereck zurück. Im vierten und fünften Stockwerk finden sich große, dreiteilige Spitzbogenfenster. Die unteren, mit dem Zifferblatt der Turmuhr sind geblendet; zwischen den Pfosten sieht man nur schmale Fenster mit Eselrücken [unten konvex, oben konkav]-Abschluß. Die oberen sind als Schallfenster offen (Glockenstube) und haben eine Balustrade.“11

Der Turmbau kam zum Stillstand, als er etwa die Giebelhöhe des Kirchendachs erreicht hatte. Zuletzt hatte noch Meister Hans Lutz von Schussenried den Oberbau des Turms besorgt.12 Was bis dahin von ihm sowie den anderen süddeutschen Meistern Burkhard Engelberg und Jakob von Elchingen geleistet wurde, „ist über alles Lob erhaben“.13 Das bedeutet auch, dass mit ihnen die gotische Bauweise in Südtirol Abschied nahm.

Erst Mitte des 16. Jahrhunderts führten dann einheimische Meister die Bauarbeiten an der Kirche weiter die parallel zum Abbau der noch bestehenden Vorgängerkirche vonstatten ging.14 Der Turm fand erst in der Barockzeit von 1636 bis 1647 seine Vollendung. „Das 6. Stockwerk erhielt ein kräftiges Kranzgesims mit einem mächtigen gesprengten Giebel; darüber erhebt sich ein verjüngtes Oktogon mit kleinen Fenstern und vier freistehenden Obelisken, ein weiteres Dekorationselement der Renaissancebaukunst. An den Ecken wurden Wasserspeier angebracht. Als Abschluß folgt – wie im süddeutschen Barock gern verwendet – eine hohe ausgezogenen Zwiebelhaube mit einem Kupferdach“.15

Mit einer Turmhöhe von 86 Metern ein unübersehbares Wahrzeichen der Landschaft. Wohl das bedeutendste Werk von Jakob von Elchingen.

Das Weindorf hat vor allem durch den „Dom auf dem Lande“ große Bekanntheit erlangt. Es besitzt die größte Dorfkirche Südtirols. Ihr markanter Turm mit der Zwiebelhaube ist nicht nur das Wahrzeichen des Dorfes, sondern darüber hinaus ein markantes Zeichen in der Landschaft. Außerdem bietet das Kircheninnere eine adäquate architektonische Gestaltung mit eine Fülle von wertvollen Kunstgegenständen aus dem 13./14. bis ins 19. Jahrhundert hinein. Zweifellos ist heute der „Dom“ eine bedeutende touristische Attraktion, die Besucher aus Nah und Fern anzieht.

  1. Franz Bischoff: Burkhard Engelberg und Tirol, in: Schwaben [und] Tirol. Historische Beziehungen zwischen Schwaben und Tirol von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Beiträge u. Katalog zur Ausstellung in Augsburg 1989, hier Beiträge. Rosenheim 1989, S. 378 – 384. ↩︎
  2. Leo Andergassen: Ältere Bauten in Kaltern. Historische Bauwerke und ihre Geschichte in Kaltern am See. Bozen 2010, S. 6. ↩︎
  3. Bischoff: Engelberg und Tirol, Beiträge, (wie Anm. 33), S. 379. ↩︎
  4. Fischnaler: Pfarrkirchthurm in Schwaz (wie Anm. 2), S. 213. ↩︎
  5. Schwaben [und] Tirol, Katalog (wie Anm. 33), S. 93 (Regest); Bischoff: Engelberg und Tirol (wie Anm. 33) Beiträge, S. 380. ↩︎
  6. Der Burggräfler. Meraner Anzeiger vom 17.12.1904, S. 4 f. ↩︎
  7. Bischoff: Engelberg und Tirol, Beiträge (wie Anm. 33), S. 380. ↩︎
  8. Seite „St. Pauli Bekehrung (St. Pauls)“, in Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. Juli 2026, 14:13 UTC. (Abgerufen: 15. Juli 2026, 07:24). ↩︎
  9. Bischoff: Engelberg und Tirol, Beiträge (wie Anm. 33), S. 380. ↩︎
  10. Karl Plunger u. Anton Maurer: Die Pfarrkirche von St. Pauls. Eppan/Gand 1985, S. 3. ↩︎
  11. Wie Anm. 42, S. 5. ↩︎
  12. Wie Anm. 42, S. 11. ↩︎
  13. Wie Anm. 42, S. 10. ↩︎
  14. Wie Anm. 42, S. 11. ↩︎
  15. Wie Anm. 42, S. 11. ↩︎