Seine Tätigkeit in Augsburg

In Augsburg übte Zwitzel eine vielseitige Tätigkeit aus.Von den Bauten, die er hier geschaffen hat oder an denen er beteiligt war, haben nicht alle die Zeiten überdauert. Einige wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und teilweise wieder aufgebaut. Nicht zuletzt gibt es solche Bauobjekte, deren Urheber unbekannt geblieben sind und die u.a. auch Zwitzel zugeschrieben werden. Der Nachweis seiner Wirksamkeit in Augsburg und parallel dazu in Südtirol stützt sich allein auf nicht immer genügend aussagekräftige literarische Quellen und auf bildliche Quellen.

Nachdem ein Orkan 1474 die Vorgängerkirche zerstört hatte, leitete Zwitzels Lehrmeister Burkhard Engelberg als führender Architekt der Reichsstadt bald nach 1477 bis zu seinem Tod 1512 den Wiederaufbau der spätgotischen Benediktinerabteikirche St. Ulrich und Afra. Vor allem die beiden Flankentürme wiesen eine sehr aufwendige Gestaltung auf, so bekrönte er die Turmabschlüsse mit filigranen durchbrochenen Steinhelmen und versah die Giebel mit Filialen als markantes Zierelement. Wie wir noch sehen werden, dienten gerade diese architektonischen Elemente als Vorbilder für andere Kirchenbauten. Gesichert ist, dass Zwitzel am Bau der Kirche beteiligt war.1 Dies dürfte schon zu Beginn der Augsburger Zeit der Fall gewesen sein, da er wohl damals schon zum engeren Umkreis Meister Engelbergs gehörte. Näheres über seine Tätigkeit ist nicht überliefert.

Spätgotische Basilika St. Ulrich und Afra, erbaut von Baumeister Burkhard Engelberg von vor 1477 bis 1512. Wegen der Turmabschlüsse musterhaftes Vorbild für Kirchtürme in Südtirol. Kupferstich Anfang 16. Jahrhunderts.

Zu den im Februar 1944 bei einem Luftangriff völlig zerstörten Gebäuden war auch das Großhandelshaus der Patrizierfamilie Höchstetter, das Jakob Zwitzel 1504 – 1507 am Kesselmarkt erbaut hatte. Die Höchstetter waren Groß- und Fernhändler für Tuche und Textilien und nach den Fuggern und Welsern das bedeutendste oberdeutsche Handelshaus. Außerdem besaßen sie Bergbauunternehmen u.a. auch in Südtirol. In den Ruinen wurde vom Gebäude lediglich der Eckerker des von Ulm zugewanderten Steinbildhauers Gregor Erhart gefunden, der restauriert und 1962 in das Senioratsgebäude der Fuggerei integriert wurde.2 Er bezeugt noch heute die einst aufwendige Gestaltung des Hauses.

Um 1506 stifteten die drei Brüder Georg, Ulrich und Jakob Fugger die nach ihrer Familie benannte Fuggerkapelle in der St. Anna-Kirche, heute Annastraße 18, die von 1509 bis 1512 erbaut worden ist. Von der Schar der zahlreichen entwerfenden und ausführenden Künstler sind nur wenige archivalisch belegt. Der Baumeister bleibt bis heute unbekannt. Über die Bauausführung weiß man zumindest, dass das Gewölbe Jakob Zwitzel angefertigt hat.3 Er hielt sich dabei wohl an die Planung des Sebastian Loscher. Der plastische Schmuck geht auf den Bildhauer Adolf Daucher zurück.4

Blick in die sehr reich ausgestattete katholische Fuggerkapelle innerhalb der seit der Reformation evangelischen St. Anna-Kirche. Das Gewölbe von Jakob Zwitzel

Die Gedächtnis- und Gruftkapelle bildet den westlichen Abschluss des Mittelschiffs der Annakirche, in welche die Kapelle für sich selbständig integriert ist. Sie erhebt sich über einem quadratischen Grundriss. Der wohlproportionierte, lichte Raum weist eine kostbare Ausstattung auf. Im Westen wird er flankiert von der Epitaphienwand der Fuggerfamilie. „Die Fuggerkapelle ist das früheste und vollkommenste Denkmal der Renaissance auf deutschem Boden. Ihre kunstgeschichtliche Bedeutung liegt in der schlackenlosen Verschmelzung italienischer, speziell venezianischer Vorbilder mit der einheimischen Tradition.“5

Um eine Zuschreibung handelt es sich bei den Fuggerhäusern am Weinmarkt, heute Maximilianstraße 36-38, die 1512 bis 1515 errichtet worden sind. Nachdem Jakob Fugger der Reiche ein Doppelanwesen am Weinmarkt und zusätzlich weitere Grundstücke erworben hatte, ließ er diese zu einem großzügigen Baukomplex ausbauen. „Unter Ausnutzung der vorhandenen Bausubstanz schuf Jakob Zwitzel oder Hans Hieber […] ein Ensemble mit drei hintereinander gestaffelten Höfen (Großer Hof, Höflein und Damenhof), das eine genuine Verbindung aus oberdeutschem Stadthaus und italienischem Palastbau darstellte. Die traufseitige, fast 68 m lange Fassade zur Maximilianstraße war ursprünglich mit Fresken geschmückt. […] Das Innere war luxuriös mit Ledertapeten, Kamin, Majolikaöfen, und vergoldeten Holzdecken ausgestattet.6 Im Erdgeschoss waren gotische Gewölbe untergebracht.7 Das Anwesen ist im Zweiten Weltkrieg durch den Luftangriff Ende Februar 1944 abgebrannt und wurde 1949 – 1951 in vereinfachter Form wieder aufgebaut.8


Fuggerhaus, Maximilianstraße 36 – 38, als Postkartenmotiv vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Auffallend die prunkvolle Gestaltung der Straßenfassade als Ausdruck fuggerischen Reichtums.

Der damalige Häuserkomplex erfuhr 1517 nochmals eine Vergrößerung. Nachdem Raymund Fugger ein Gartenanwesen an der Kleesattlergasse, der heutigen Armengasse, erworben hatte, ließ er auf dem Platz einen Neubau errichten. Den Plan dazu fertigte Jakob Zwitzel an.9

Das wichtigste große Bauvorhaben des Steinmetzen und Baumeisters Jakob Zwitzel war die Umgestaltung des spätgotischen Rathauses in den Jahren 1515 – 1518, dem städtischen Mittelpunkt zwischen dem Dombezirk im Norden und dem Reichsstift St. Ulrich und Afra im Süden. Zum Aussehen und zur Funktion dieses zentralen Gebäudes liegen neue Forschungsergebnisse vor. Die Grundlage dazu bietet eine Arbeit über den Stadtplan des Goldschmieds Jörg Seld von 1521, der Augsburg aus der Vogelschau von Westen zeigt.10 Seld hatte den Stadtplan also unmittelbar nach Abschluss der Arbeiten am Rathaus gefertigt, weshalb die Darstellung des damaligen Gebäudekomplexes darin einen hohen Grad an Genauigkeit haben dürfte.

Ausschnitt aus dem Augsburger Stadtplan von Jörg Seld 1521 mit dem von Jakob Witzel umgebauten spätgotischen Rathaus neben dem Perlachturm.

Zwitzel ließ den Grundkörper des vorangehenden Rathaus-Komplexes bestehen. „Das alte Rathaus setzte sich aus zwei Gebäudebereichen zusammen. Zum einen den nördlichen Trakt, dessen Saal [Rathaussaal] von einem weiten Giebel besetzt war, und zum anderen dem südlichen mit zwei Giebeln versehenen Gebäudeteil, der die Diensträume beherbergte. Am Übergang des höheren Giebels zu dem niederen Bereich ragte ein schlanker Turm empor, der in einem schmalem offenen Glockenstuhl endet. […] Über dem schlichten niedrigen Sockelgeschoss mit Fenstern befindet sich das Hochpaterre, das mit Maßwerk verzierten dreiteiligen Fenstern geschmückt ist. Darüber liegen im höheren Gebäudeteil zwei weitere Geschosse und im niedrigeren nur ein Geschoss, die mit zahlreichen Fenstern versehen sind. Der hohe Gebäudeteil besitzt zudem einen sechseckigen Erker an der Ecke des dritten Geschosses und eine Uhr im Giebelfeld.“ Alle Außenwände erhielten durch Gesimse eine neue Gliederung.11

Zu ergänzen ist noch, dass man an der Stirnseite des Rathauses den Pranger erkennt, auf dem Straftäter wegen ihrer Vergehen öffentlich zur Schau gestellt wurden. Ein Blickfang war der sechseckige Erker, von dem aus Bekanntmachungen des Rates ausgerufen wurden. Man nannte ihn auch Kaisererker, da er der Huldigung von Fürsten und neugewählten Bürgermeistern diente.12 An der Nordwestecke führten große abgerundete Treppenstufen zum Eingangsportal, über dem das Augsburger Stadtwappen angebracht war.

Zusätzlich zur Stadtpolitik erfüllte das Rathaus in früheren Zeiten ebenso eine wirtschaftliche Funktion. Darauf verweist eine von Zwitzel vorgenommene Veränderung, denn „die blechernen Schutzdächer für die Kramläden und für die Eingänge zu den gewerblich genutzten Kellergewölben wurden in jenen Jahren durch bessere aus Kupfer ersetzt, das die Fugger und andere Familien nach Augsburg importierten“.13

Das von Zwitzel neu gestaltete Rathaus existierte fast genau 100 Jahre, bis es 1614 durch einen Ratsbeschluss völlig abgebrochen wurde, um dem heutigen prachtvollen Bau von Elias Holl Platz zu machen.

Teil des alten (links Mitte) von Jakob Witzel und neuen Rathauses (oben) von Elias Holl. Kupfergravur 1725.

Bei Aufräumarbeiten des 1944 zerstörten Rathauses entdeckte man, dass Elias Holl für seinen Neubau die goldene Rathauskugel des Zwitzel-Baus weiter verwendet hat. Damit bestätigte er die Schilderung einer zeitgenössischen Chronik, dass im Jahr 1516 „auch der thuren am Rathaus erhöchert“ und neben dem Werkmeister Jakob Zwitzel der Goldschmied Jörg Zorer, der sehr wahrscheinlich die Kugel geschaffen hat, am damaligen Umbau beteiligt waren.14

Zusätzlich sind einige kleinere Arbeiten von Zwitzel überliefert. 1515 setzte er auf dem Fronhof vor dem Dom einen Pfeiler mit dem Stadtpyr anstelle eines anderen nicht bekannten reichsstädtisches Hoheitsmals, das im Jahr zuvor Angehörige des Domkapitels mutwillig umgeworfen hatten. Die Zirbelnuss (Pyr) ist ein Bestandteil des Augsburger Stadtwappens. Ein Jahr später errichtete er in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Sebastian Loscher am Weinmarkt einen steinernen Röhrenkasten, an dem Platz, wo jetzt der Herkulesbrunnen steht. 1524 führte er im Wochenlohn beim Ausbau des Perlachturms die Steinmetzarbeiten aus. 1528 erhielt er den Auftrag, die Treppe zum Tanzhaus anzufertigen.15

Nach dem Tode seines Lehrmeisters und Augsburger Stadtbaumeisters Burkhard Engelberg 1512 dürfte sein begabter Zögling Jakob Zwitzel als kenntnisreicher Fachmann dem Rat der Reichsstadt in bautechnischen Fragen weiter gedient haben. Denn 1535 schenkte der Rat Meister Jakob von Elchingen „50 Gulden in Münz‚ um sein lang gehabt Mühe und Arbeit“.16 Damals endete anscheinend die praktische Bautätigkeit des betagten Meisters. Als „Geschworener Werkmann“ stand er aber weiterhin der Stadt für Gutachten und Schiedssprüchen zur Verfügung.17

  1. Ulrich Thieme u. Felix Becker (Hg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 36, Leipzig 1947, Sp. 615. ↩︎
  2. Seite „Höchstetter (Patriziergeschlecht)“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. Dezember 2025, 11:10 UTC (Abgerufen: 15. Juli 2026, 07:03). ↩︎
  3. Götz Fehr: Benedikt Ried. Ein deutscher Baumeister zwischen Gotik und Renaissance in Böhmen. München 1961, S. 107. ↩︎
  4. Stadt Augsburg Baureferat, Bauordnungsamt/Untere Denkmalschutzbehörde: Broschüre „Tag des offenen Denkmals 2005“, S. 8. ↩︎
  5. Dehio: Kunstdenkmäler in Schwaben (wie Anm. 17), S. 68. ↩︎
  6. Ulrich Kirstein: Fuggerhäuser, in: Stadtlexikon Augsburg, Wißner-Verlag, 2. Aufl. Druckausgabe 2025, Onelinefassung. ↩︎
  7. Seite: „Fuggerhaus am Weinmarkt“, in: https://hdbg.eu, Haus der Bayerischen Geschichte: Bavariathek. (Abgerufen: 15. Juli 2026, 07:03). ↩︎
  8. Kirstein: Fuggerhäuser (wie Anm. 21), Onlinefassung. ↩︎
  9. Norbert Lieb: Die Fugger und die Kunst im Zeitalter der Hohen Renaissance. München 1958, S. 343. ↩︎
  10. Susanne Sofie Josties: Das frühneuzeitliche Augsburg im perspektivischen Blick. Vermessung und Darstellung des urbanen Raums im Plan des Goldschmieds Jörg Söld von 1521. Münchner Dissertation 2023, Onlinefassung. ↩︎
  11. Josties: Frühneuzeitliches Augsburg (wie Anm. 25), S. 98 f. (Zitat), 100. ↩︎
  12. Heinrich Dormeier: Die „Wirklichkeit“ der Augsburger Monatsbilder, in: Kurzweil und Selbstdarstellung. Aufsätze 1994, Onlinefassung, S. 36 f. ↩︎
  13. Dormeier: Augsburger Monatsbilder (wie Anm. 27), Onelinefassung , S. 35 f. ↩︎
  14. Seite: „Nachricht an die Nachkommen“, in: www.augsburg.de, Stadtarchiv (Abgerufen am 15.07.2026, 09:30). ↩︎
  15. Lieb: Familie Zwitzel (wie Anm. 1), S. 86 f.; Kirstein: Zwitzel, Onelinefassung (wie Anm. 3). ↩︎
  16. Lieb: Familie Zwitzel (wie Anm. 1), S. 87. ↩︎
  17. Lieb: Familie Zwitzel (wie Anm. 1), S. 87. ↩︎