Ausbildung in Ulm und Brückenschlag nach Augsburg

Seine Ausbildung zum Steinmetz erfolgte gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter dem Baumeister Matthäus Böblinger in der Ulmer Münsterbauhütte. Diesem hatte der Ulmer Rat nach den Parlern und Ensingern 1474 die Bauleitung beim Münsterbau anvertraut. Als man 1492 am Turm Umbauarbeiten durchführte, traten plötzlich gefährliche Risse auf und Steine fielen während eines Gottesdienstes in den Innenraum. Später stellte sich heraus, dass die Fundamentierung des Turms ungenügend gesichert war. Der Vorfall soll Böblinger veranlasst haben, Ulm fluchtartig zu verlassen.1 Im Glauben, der Turm könnte einstürzen, kamen auf Einladung der Stadt ein Jahr später Baumeister aus 28 Städten in Ulm zusammen, um über den Fortgang des Münsterbaus zu beraten. Doch nur der Augsburger Baumeister von St. Ulrich und Afra, Burkhard Engelberg, erklärte sich als einziger bereit, die schwierige Aufgabe einer umfassenden Sanierung auf sich zu nehmen. 1493 reiste er mit 116 Steinmetzen an, um Sicherungsmaßnahmen im gesamten Münsterbau, vor allem des Turmes, aber auch des gesamten Kirchenschiffs, durchzuführen. Diese Arbeiten zogen sich bis 1507 hin, als der Turm abschließend mit einem Notdach versehen wurde. Dann trat ein fast 350-jähriger Stillstand ein, bis im 19. Jahrhundert der Turm nach den Plänen Böblingers 1890 seine Vollendung erfahren hat. In großer Dankbarkeit für seinen rettenden Eingriff hat man Engelberg 400 Gulden und zusätzlich lebenslang jährlich 50 Gulden verehrt.

Südseite des Ulmer Münsters um 1850. Situation wie am Ende der großen Reparaturarbeiten 1509 durch den Augsburger Baumeister Burkhard Engelberg. Nach rund 350 Jahre Stillstand Wiederaufnahme des Münsterbaus Mitte 19. Jahrhundert bis zur Vollendung 1890.

Vor diesem skizzierten Hintergrund können wir uns die Bekanntschaft zwischen dem erfahrenen Meister Engelberg und dem jungen Steinmetz Jakob von Elchingen leicht vorstellen. Seine Lehrzeit und die ersten Jahre als Geselle dürften wahrscheinlich noch in die Zeit von Meister Böblinger gefallen sein. Als Meister Engelberg 1493 die Arbeit in Ulm begann, muss er wohl auf das Talent des jungen Steinmetz aufmerksam geworden sein, der ihm als Kenner der örtlichen Verhältnisse gute Dienste leisten konnte und den er deshalb in seinen engeren Mitarbeiterkreis aufgenommen hat.

Das bedeutete für Jakob gleichzeitig den Brückenschlag in die damalige Kunstmetropole Augsburg, wo seine Karriere ihren Anfang nahm. Noch bevor er in der Reichsstadt Augsburg sesshaft wurde, hatte er um 1495 geheiratet, eine zweite Ehe schloss er 1512/13 mit Barbara Vischerin. Augsburg blieb Zeit seines Lebens sein Wohnort. Dort wurde Jakob Zwitzel zu Stammvater einer großen Familie vor allem von Steinmetzen und Goldschmieden. Sein Sohn Bernhard (1494 – 1570), der beim Vater die Ausbildung zum Steinmetz erhalten hatte, führte dessen Werk fort. In den ersten Augsburger Jahren lebte Jakob in verschiedenen Wohnungen, bis er schließlich 1513 ein eigenes Haus in der Kleesattlergasse, der späteren Armenhausgasse, bezog.

Zu seinen Nachbarn zählten mehrere prominente Augsburger, u.a. Raymund Fugger, Mitglied der Handelsfamilie Fugger und Kaiserlicher Rat mit guten Verbindungen zu den Habsburgern.

  1. Herbert Wiegandt: Ulm. Geschichte einer Stadt. 2. Aufl. Weißenhorn 1989, S. 87. ↩︎